• Thomas Bucher

Die Männliche Initiation

Aktualisiert: 5. Sept.

Das Märchen vom Eisenhans

Interprtiert von Robert Bly in "Eisen Hans - Ein Buch über Männer"


Die Geschichte des "Eisen Hans" beschreibt die männliche Initiation und dessen Etappen auf dem Weg zur befreiten Selbstrealisation. Den Begriff „Selbstrealisation“ prägte Yogananda, der mich letzten Sommer mit seiner Biographie durch einen inneren Entwicklungsprozess führte. Umso schöner, dass mir der Begriff durch diese Initiationsgeschichte wieder begegnet. Wenn auch in ganz anderer Form. Denn beim Eisen Hans handelt es sich rein um die Entwicklung der Männlichkeit in einem männlichen Wesen.





Das Märchen wird von Robert Bly durch sein immenses Wissen über die Mystik des antiken Griechenlands, der Kelten, Wikinger und Ureinwohner Amerikas, Australiens und Papua Neuguineas interpretiert. Er untermauert seine Thesen mit psychologischem Fachwissen und Anthropologischen Studien, wodurch einem immer wieder vor Augen geführt wird, welch tief greifende Auswirkungen der Verlust jeglicher initiatorischer Praktiken auf den modernen Menschen hat. Mit unzähligen Initiationsgeschichten aus verschiedenen Kulturen und Naturvölkern des Amerikanischen, Afrikanischen und Australischen Kontinents vermag Bly einen Einblick in eine Menschheitsgeschichte zu geben, die verdeutlicht, welche Entwurzelung seit spätestens der Industriellen Revolution in der westlichen Welt stattgefunden haben muss. Treffende Zitate aus poetischen Werken berühmter Schriftsteller wie Shakespeare, Goethe, Kafka und vielen anderen, setzt Bly geschickt ein, um zu verdeutlichen, dass das Fehlen einer spirituellen und mystischen Verbindung mehr mit der Problematik der blockierten Mannwerdung und traumatisierten Vater Sohn Beziehung zu tun hat, wie man hinlänglich annimmt. Ich bin immer noch überwältigt und dankbar für diese tiefgreifende Begegnung mit längst vergessenen Anteilen und Archetypischen Bildern, die durch meine Vorfahren und die gesamte Menschheitsgeschichte in mich hinein wirken. Ja sie wurden regelrecht zum Leben erweckt, denn selbst das Lesen dieses grandiosen Werkes wirkt wie eine Initiation und fordert einen auf, über die möglichen einschneidenden Etappen des eigenen Lebens zu reflektieren.



Der „Eisen Hans“ beschreibt eine "Klassische Initiation", die in 5 Phasen abläuft:


1. Die Verbindung mit der Mutter und die Trennung von der Mutter.


2. Die Verbindung mit dem Vater und die Trennung vom Vater.


3. Die Ankunft der männlichen Mutter oder des Mentors (dem Eisen Hans) der einem Mann hilft, einen Zugang zur eigenen Größe oder Essenz zu finden.


4. Lehrzeit bei einer kraftvollen Energie (z.B. dem Wilden Mann, Dyonisos oder Apoll).


5. Die Hochzeit mit der Heiligen Frau oder der Königin.




Laut Bly muss die männliche wie die weibliche Initiation nicht in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen. Die 5 Phasen werden immer wieder durchlebt und treten im Laufe des Lebens in verschiedenen Intensitäten auf.


Allerdings führt das Fehlen jeglicher Initiation seiner Meinung nach zu erheblichen Problemen und zu einer mangelhaften Ausprägung männlicher Tugenden und wünschenswerter Kräfte.





"Die Bindung an die Mutter verläuft bei uns einigermaßen erfolgreich. Die Trennung, das Stehlen des Schlüssels unter dem Kopfpolster der Mutter, meist ganz und gar nicht." Diese Ansicht teile ich nicht ganz, doch auch in meinem Bekanntenkreis weiß ich von vielen Männern, die entweder mit ihren Müttern gebrochen haben, geflohen sind oder noch in den Fängen übernommener Verhaltensmuster leben.



Mit der Bindung an den Vater lassen sich die Männer laut Bly Zeit, bis sie um die 50 sind und dann muss immer noch die Trennung geschehen. Ja, wie viele Themen haben wir eigentlich mit unseren Vätern? Wie viele Männer hatten gar keinen Vater oder verdrängen die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit? Und wie wichtig ist die Arbeit an uns gegenseitig, Räume zu schaffen, in denen wir mit unseren Wunden in Kontakt kommen, um durch sie hindurch in unsere Freiheit zu gelangen? Danke an dieser Stelle für die kraftvolle Verbindung mit den Männern meines Männer Teams, die mir Rückhalt und das Vertrauen geben, mich öffnen und mich mit meiner Verletzlichkeit zeigen zu können und mich gleichzeitig dazu ermutigen, in meine Präsenz zu gehen.



"Die Ankunft eines Mentors verläuft zufällig, wenn überhaupt", sagt Bly. Er erwähnt König Artus als Beispiel für eine männliche Mutter. In unserer Geschichte ist es der "Eisen Hans" oder der "Wilde Mann". Er wird vom jungen Prinzen befreit und nimmt ihn auf seinen Schultern weg von seinen Eltern mit in den Wald. Dort bekommt der Junge aufgetragen, den Brunnen mit dem goldenen Wasser zu bewachen. Er besteht zwar die Prüfungen nicht und wird weggeschickt, aber er kommt in Kontakt mit dem Gold, der Sonnenenergie, dem eigenen inneren Leuchten (sein verwundeter Finger und seine Haare werden golden).



Mit dieser erweckten inneren Kraft muss der Prinz nun den Weg hinab in die Armut, in die Küche, zur Asche beschreiten. Mythologisch steht die "Aschearbeit" in Verbindung mit dem Durchleben und dem Heilen der seelischen Wunden. Ein Abstieg in das Schattenreich der Seele; das Kennenlernen der eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten.



Diese initiatorische Phase läutert das männliche Ego soweit, dass der Mann bereit ist, ein würdevoller Krieger (des Lichts) zu werden und sich den Herausforderungen des Lebens erfolgreich zu stellen. Ebenso führt die Katabasis oder Aschearbeit dazu, dass sich ein Mann in Kunst und Ästhetik vertiefen lernt oder sich in seiner Berufung verwirklicht, wodurch er sein goldenes Haupt und seine wahre Größe zeigen kann. Erst dann ist der Mann reif, der Weiblichkeit ebenbürtig zu begegnen.




Auch wenn einige Textstellen nicht ganz leicht zu verstehen sind und Robert Bly sich einen großen Interpretationsspielraum nimmt und die Vorstellungskraft des Lesers ungemein fordert, würde ich dieses Werk jedem Mann und auch Frauen empfehlen. Den Einblick in initiatorische Bräuche und Rituale, die Art wie Robert Bly die Mystik in einem Selbst zum Leben erweckt, ist einzigartig und darf meines Erachtens wieder viel mehr die Menschheit durchdringen. Dies erscheint mir die logische Konsequenz auf die Jahrhunderte lange Ausrichtung auf Profit, Macht und Ansehen. Wir müssen die Kraft unserer Phantasie und unsere Tendenz mythologisch zu denken wieder zum Leben erwecken, um als Menschheit aus der Sackgasse der Ressourcen Verschwendung und Ausbeutung zu gelangen. Aber auch um uns von mentaler Versklavung zu befreien und unsere Wunden zu heilen, mit Hilfe unserer Intuition und der Fähigkeit in Verbindung mit den seelischen Kräften und den Kräften der Natur zu kommen.



Die Erfahrungen, die ich diesen Sommer mit meiner Familie und meiner Partnerin erleben durfte bestätigen diese Annahme. Tiefgreifende Veränderungen waren spürbar, sowohl im Umgang mit meiner Emotionalität, als auch in der Wahrnehmung meiner Präsenz, Energie und Wirkung.


Plötzlich kann die unabsichtliche Berührung an einem wunden Punkt von einem Übergriff unterschieden werden. Das Setzen von Grenzen wird von einer unsichtbaren Kraft begleitet, die nicht aus einer Wut heraus aber von einer klaren Bestimmtheit stammt. Das sich eingestehen von Schwäche und Niederlage kann erhobenen Hauptes zur Kenntnis genommen werden und führt nicht zur Resignation, sondern ermutigt zum Weitermachen und zum "neue Wege finden". Die Vorstellung von Apoll, dem goldenen Mann der Griechen, Eisenhans, Athene oder sonstigen Geistigen Helfern kann einem eine Schleuse ungeahnter Kraft öffnen, die Mut verleiht, zur Zurückhaltung auffordert oder das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen fördert.


Auch wenn wir keine direkte Erinnerung mehr an jegliche Initiation haben, können wir mit Anteilen in uns in Verbindung gehen, die sehr wohl Bescheid wissen, wie wir die Herausforderungen des Lebens deuten können und welche Entwicklung oder Befreiung aus hemmenden Verhaltensmustern gerade ansteht.


Dafür ist es wohl notwendig, eine Männerbewegung zu kreieren, die all diese Aspekte abdecken kann. Die Frauen scheinen uns da einiges voraus zu haben, aber umso mehr sind wir aufgerufen, uns unserer eigenen Entwicklung zu stellen und die Gestaltung unseres Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Aber vor allem dem Ruf unseres "Inneren Königs" (oder wie ich ihn gerne nenne: "Den besten Freund ICH") zu folgen, der in jeder Lebenslage und zu jeder Zeit weiß, wohin die Reise geht und uns stets mit Weisheit und Klarsicht zur Seite steht.


Ich freue mich schon jetzt über regen Austausch zu Initiation und Männerarbeit und hoffe mit meinen Zeilen den einen oder anderen dazu zu inspirieren, sich mit auf den Weg zu machen.


Ich wünsche allen Männern und Frauen, die bereits ihrer Neugier und dem Ruf ihrer Seele folgen weiterhin viel Mut und berührende Erfahrungen in ihren Prozessen. Und all jenen, die nichts damit anfangen können, dass sie sich in Toleranz und Offenheit üben und sich trotz aller Ablehnung erlauben, ihren Blick zu weiten.


AHO Thomas


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